Unerwünschte Normalität? Wie Überpolitisierung das Coming-out erschwert.

Wir haben tief in die Community gehorcht. Immer mehr Jungs haben Angst vor ihrem Coming-out, weil sie durch laute politische Debatten sofort in eine extreme Schublade gesteckt werden. Hier lest ihr, warum die ständige Überpolitisierung oft eher schadet als nützt und warum echte Normalität das wahre Ziel sein sollte.

@solaris

7 Min Lesezeit

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© iStock serezniy / justboys.net / KI-generiert

Wir haben mit Jungs aus unserer Community gesprochen

In den letzten Wochen und Monaten haben wir bei justboys intensiv mit unzähligen Jungs aus unserer Community geschrieben, telefoniert und diskutiert. Dabei ist uns ein Muster aufgefallen, das sich wie ein roter Faden durch fast alle Gespräche zieht. Die Stimmung hat sich gedreht. Während das Coming-out vor zehn oder fünfzehn Jahren vor allem von der Angst geprägt war, von den eigenen Eltern verstoßen zu werden, stehen Jugendliche im Jahr 2026 vor einer völlig neuen, massiven emotionalen Wand. Die schwule und queere Lebensrealität wird in der Öffentlichkeit momentan so extrem politisiert, diskutiert und oft auch instrumentalisiert, dass ganz normale Jungs regelrecht Panik davor haben, sich zu outen. Sie wollen lieben, wen sie lieben. Aber sie wollen um keinen Preis Teil eines hitzigen Kulturkampfes werden. Um diesen Frust greifbar zu machen, haben wir die häufigsten und ehrlichsten Gedanken unserer User in drei klaren Statements zusammengefasst.

"Sobald ich sage, dass ich auf Jungs stehe, haben die Leute ein komplett fertiges, extremes Bild im Kopf." Lukas, 16 Jahre alt, fasst zusammen, was viele denken. Er spielt im Verein Fußball, geht am Wochenende mit seinen Bros feiern und bereitet sich auf seinen Schulabschluss vor. Er ist ein völlig durchschnittlicher Teenager. Er sagt ganz klar, dass ihn diese extreme politische Aufladung seiner Sexualität regelrecht erdrückt. Die Leute denken nach einem Coming-out sofort, er würde radikale politische Forderungen stellen, sich auf der Straße festkleben oder extreme Genderdebatten führen wollen. Dabei will er einfach nur mit einem anderen Typen ins Kino gehen und dabei Händchen halten, ohne dass sofort eine politische Message daraus gemacht wird.

"Der künstliche Regenbogen Hype in den Medien sorgt in der Schule für echten Hass." Der 17 jährige Tobias berichtet von einem Phänomen, das uns extrem besorgt. In seiner Klasse gab es immer eine entspannte Grundstimmung. Doch weil das Thema Queerness in den sozialen Medien, im Fernsehen und durch ständige Kampagnen von großen Firmen so aggressiv und belehrend in den Vordergrund gedrängt wird, sind viele seiner Mitschüler einfach nur noch genervt. Diese ständige Dauerbeschallung erzeugt eine krasse Gegenreaktion. Tobias spürt, wie eigentlich tolerante Jugendliche plötzlich wieder homophobe Sprüche klopfen, weil sie sich von der Politik provoziert fühlen. Der Frust über diese extreme mediale Präsenz wird dann schonungslos an den normalen schwulen Jungs auf dem Pausenhof ausgelassen.

"Ich werde in einen Topf mit Dingen geworfen, mit denen ich null Komma null zu tun habe." Für den 18 jährigen Felix ist die aktuelle Situation ein echter Albtraum. Er hat uns erzählt, dass ein Coming-out heute bedeutet, sich plötzlich für alles rechtfertigen zu müssen, was in der queeren Extrem Bubble passiert. Wenn er sagt, dass er schwul ist, wird er von älteren Verwandten oder Mitschülern plötzlich auf Transvestiten im Kindergarten, komplexe Sprachtheorien oder radikale Pride Paraden angesprochen. Felix sagt ganz offen, dass er diese Dinge teilweise selbst nicht unterstützt und sich absolut nicht damit identifizieren kann. Er will in keine politische Tonne geworfen werden, nur weil er biologisch gesehen auf das gleiche Geschlecht steht.

Die völlig neue Angst vor dem Coming-out

Diese ehrlichen Aussagen unserer Jungs zeigen ein dramatisches Bild der aktuellen Gesellschaft. Ein Coming-out kostet einen jungen Menschen ohnehin schon unfassbar viel Überwindung. Man macht sich verletzlich, man offenbart sein tiefstes Inneres und man hofft einfach nur auf Akzeptanz. Doch genau diese Akzeptanz wird heute oft an Bedingungen geknüpft oder von Vorurteilen überschattet. Wenn ein Junge heute all seinen Mut zusammennimmt und sagt, dass er schwul oder bisexuell ist, geht es in den Köpfen der Zuhörer oft gar nicht mehr um die reine Liebe zwischen zwei Menschen. Es rattert sofort die politische Maschine los. Die Gesellschaft hat durch die ständige Konfrontation in den Medien verlernt, den einzelnen Menschen zu sehen. Stattdessen sehen sie sofort eine komplette politische Bewegung vor sich stehen. Das erzeugt bei jungen Teenagern einen so enormen psychischen Druck, dass viele sich wieder bewusst dafür entscheiden, im Schrank zu bleiben. Sie verstecken sich lieber, als sich täglich für Diskussionen rechtfertigen zu müssen, die sie sich niemals ausgesucht haben.

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Die radikale Schublade und der Verlust der Individualität

Es ist ein grundlegendes Problem unserer vernetzten Zeit. Die lautesten und extremsten Stimmen bekommen im Internet und im Fernsehen immer die meiste Aufmerksamkeit, weil sie provozieren und Klicks generieren. Die riesige, schweigende Mehrheit der schwulen Community, die einfach nur ruhig, bescheiden und völlig unauffällig ihr Leben lebt, findet in den Medien de facto gar nicht statt. Das führt zu einer massiven Verzerrung der Realität. Wenn ein normaler Junge aus Österreich sich heute outet, wird ihm seine Individualität sofort abgesprochen. Er wird ungefragt in eine Schublade gepresst, auf der in dicken Buchstaben "Aktivist" steht. Man erwartet plötzlich von ihm, dass er auf jede Frage zur Identitätspolitik eine politisch korrekte Antwort hat. Wenn er dann sagt, dass ihn das alles gar nicht interessiert und er solche extremen Auswüchse vielleicht sogar selbst kritisch sieht, wird er oft sogar aus den eigenen Reihen der LGBTQ Bewegung als Verräter angefeindet. Es ist ein toxisches Umfeld entstanden, in dem es scheinbar keinen Platz mehr für den stinknormalen, unpolitischen Schwulen gibt.

Wenn künstliche Dauerbeschallung in echten Hass umschlägt

Was wir in der täglichen Arbeit mit euch Jungs immer wieder schmerzhaft feststellen müssen, ist der Backlash aus der Gesellschaft. Jahrelang wurde für Toleranz gekämpft und wir haben wahnsinnig wichtige Meilensteine erreicht. Doch aktuell überspannt die politische Agenda den Bogen massiv. Egal wo man hinsieht, das Thema wird den Menschen regelrecht aufgezwungen. Das Resultat ist absolut fatal. Die ständige Überpolitisierung und der Zwang zur absoluten Wokeness erzeugen in der breiten Bevölkerung einen massiven Gegendruck. Leute, denen es früher schlichtweg egal war, wer wen liebt, fühlen sich heute bevormundet und reagieren mit Wut. Und wer muss diese Wut ausbaden? Nicht die Politiker in den Talkshows und nicht die Konzernchefs, die ihre Logos bunt einfärben. Es sind die 15 jährigen Jungs an den Schulen, in den Sportvereinen und in den Dörfern, die plötzlich den geballten Hass der Mitschüler abbekommen. Sie dienen als Projektionsfläche für einen gesellschaftlichen Frust, den sie absolut nicht verursacht haben. Das macht den Alltag für viele von euch unerträglich schwer und wirft uns in Sachen echter Akzeptanz gefühlt um Jahre zurück.

Die Instrumentalisierung durch Medien und Konzerne

Ein weiterer Punkt, der unsere Community massiv aufregt, ist die gnadenlose Heuchelei der Wirtschaft. Im sogenannten Pride Month überschlagen sich die großen Konzerne damit, ihre Produkte in Regenbogenfarben zu tauchen. Sie wollen sich einen modernen, weltoffenen Anstrich geben, um ihre Umsätze zu steigern. Dieses Rainbow Washing ist für viele Jungs nur noch schwer zu ertragen. Sie fühlen sich von diesen Firmen ausgenutzt und als reines Marketing Instrument missbraucht. Im Hintergrund interessiert sich nämlich oft absolut niemand für die echten Probleme eines schwulen Teenagers, der auf dem Schulhof gemobbt wird. Diese künstlichen Kampagnen befeuern nur weiter das Gefühl der Gesellschaft, dass das Thema omnipräsent ist, und heizen die Stimmung weiter auf. Anstatt zu helfen, gießen solche Aktionen oft nur weiteres Öl ins Feuer der gesellschaftlichen Spaltung.

Wahre Akzeptanz bedeutet absolute Langeweile

Die laute und bunte Pride Bewegung war in der Vergangenheit absolut überlebenswichtig. Ohne die harten und oft gefährlichen Kämpfe der älteren Generationen hätten wir heute nicht die rechtlichen Freiheiten, die wir genießen. Dafür müssen wir für immer dankbar sein. Aber für die allermeisten Jungs unserer heutigen Generation ist das Endziel ein völlig anderes geworden. Wir wollen keine ständige Sonderbehandlung mehr. Wir fordern keine Extrawürste und wir brauchen keine bunten Zebrastreifen, um zu wissen, dass wir wertvoll sind. Das wahre Ziel ist echte Normalität. Wahre Akzeptanz ist nämlich genau dann erreicht, wenn das Thema absolute Langeweile auslöst. Wenn ein Junge in der Kabine nach dem Sport sagt, dass er am Wochenende ein Date mit einem Typen hat, und die einzige Reaktion ein beiläufiges Nicken ist, dann haben wir gewonnen. Die Tatsache, dass jemand schwul oder bi ist, sollte in einer gesunden Gesellschaft genauso spannend und diskussionswürdig sein wie die Augenfarbe oder die Schuhgröße eines Menschen. Nämlich gar nicht.

Du musst absolut kein politischer Aktivist sein

Deshalb ist es uns bei justboys so unfassbar wichtig, euch eine klare Message mit auf den Weg zu geben. Wenn du auf Jungs stehst, macht dich das noch lange nicht zu einem politischen Sprecher. Du schuldest keiner einzigen Bewegung da draußen deine Stimme, wenn du das nicht möchtest. Du darfst das extreme politische Theater rund um dieses Thema nervig, übertrieben und anstrengend finden. Du darfst dich von radikalen Strömungen distanzieren und du musst absolut nicht jede Entwicklung in der queeren Szene gutheißen. Lass dir von niemandem einreden, du wärst kein guter Teil der Community, nur weil du keine Regenbogenfahne schwenken willst. Dein einziger Job in diesem Leben ist es, herauszufinden, wer du bist, und glücklich zu werden. Du bist in allererster Linie ein normaler Junge mit eigenen Träumen, Hobbys und Zielen. Niemand hat das Recht, dich ungefragt in eine Schublade gestecken und deine Sexualität für seine eigenen politischen Zwecke zu missbrauchen. Bleib genau so, wie du bist. Wir bei justboys wissen ganz genau, dass du absolut richtig bist, egal wie laut oder leise du dein Leben lebst.

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Kommentare(2)

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  1. justboys-Nutzer

    Guter Standpunkt aber die Meisten sehen das nicht. Aber genau dewegen will ich mich nicht mehr Outen.

  2. justboys-Nutzer

    genau so ist es bei mir auch!!!

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